Donnerstag, 24. November 2011
Falsche Besinnlichkeit
Es ist soweit! Die Weihnachtszeit beginnt. Ruhe, Besinnlichkeit und freudiges Beisammensein machen die Tage angenehm und erholsam, um einen schönen Jahresausgang zu ermöglichen. Das suggeriert und jedenfalls die Werbeindustrie. Die Realität ist anders und ein leidiges Thema in unserer Gesellschaft. Und dennoch verfallen die meisten dieser inszenierten Traumwelt und rennen wie die Blöden in die Märkte, um mit vollem Einkaufswagen voller kalorienreicher Süßigkeiten, stromfressenden Lichterketten und überteuerten Spielwaren wieder herauszukommen.

Stress und Aufwand steigen antiproportional zu den verbleibenden Tagen bis zur Bescherung – wobei sich manche freuen würden, wenn es nur ein linearer Anstieg wäre. Und wozu das Ganze? Um den Großunternehmern Geld in den Arsch zu schieben. Es macht die Tatsache auch nicht besser, wenn das unbewusst geschieht. Den von einem aufgeschlossenen Menschen, der weder an den Weihnachtsmann noch an eine Steuersenkung glaubt, sollte eigentlich zu erwarten sein, dass er sich nicht in einen Laden reißen lässt wie ein kleines Kind zur Kirmes.
Doch stattdessen frisst man sich quer durch die Verkaufsregale, die bereits ab Ende September mit weihnachtlichen Artikeln gefüllt sind und wundert sich dann, dass die Körperwaage nur noch „Error“ anzeigt, obwohl unter dem Display steht, dass sie bis 200kg belastet werden kann. Zu dumm, dass es keine LKW-Waagen für den Hausgebrauch gibt. Die gewachsene Wampe fällt einem dann erst dann auf, wenn man seinen eigenen Schwanz nicht mehr sehen kann und keine Hose mehr passt. Dann ist es an der Zeit, joggen zu gehen – mit Kalorienzähler am Arm, damit man genau weiß, wie viel man an dem Tag noch in sich reinschaufeln kann, um trotzdem abzunehmen. Man möchte ja bis zum Urlaub im August abnehmen, damit man nur einen Sitz im Flugzeug bezahlen muss. Und während man auf der Couch sitzt, sich mit Hartz-IV-TV den Verstand wegblasen lässt und sich, wie die Nutte im Porno es mit dem langen Negerschwanz tut, den Marzipanstollen in den Hals reinwürgt, blinken an den Fenstern die Lichterketten und vermitteln eine gewisse Puffatmosphäre – Weihnachten ist ja das Fest der Liebe. Während vielen eine kleine Lichterkette für den Christbaum reicht, müssen es andere nach amerikanischem Vorbild krachen lassen. Dass die Amis keinen guten Einfluss auf unsere Gesellschaft haben, sieht man ja bereits an der Überfettung vieler Kinder. Doch in Zeiten, in denen man sich über Energieeinsparung, Abschaltung von AKW und Nachhaltigkeit unterhält und Gedanken macht, sollte sich für jeden geistig gesunden Menschen (Kinder werden dabei konsequent ausgeschlossen) die Frage nach dem Nutzen stellen. Fakt ist, dass manche Lichtketten die ganze und viele die halbe Nacht leuchten. Der praktische Nutzen beschränkt sich pro Tag auf wenige Minuten, sodass pro Tag mehrere Stunden lang Energie vernichtet wird. Selbst eine stromsparende LED-Lichterkette verbraucht pro laufenden Meter circa 2,5 Watt. Das bedeutet, dass sechs Stunden Leuchtdauer pro Tag und pro Meter 15Wh Energie benötigen. Bei einem fiktiven aber rational geschätzten Durchschnitt von zwei laufenden Meter pro Haushalt ergibt das 30Wh. Bei ca. 40 Mio. Haushalten in Deutschland (Quelle: Stat. Bundesamt, Stand 2010) sind das täglich 1200 Megawattstunden! Auf durchschnittlich einen Monat gerechnet also 37200 MWh. Bei einem Strompreis von 24ct pro KWh wären das folglich ca. 9 Millionen Euro pro Jahr, die nur für die Stromkosten der Weihnachtsbeleuchtung ausgegeben werden. Dabei bezieht sich die Rechnung lediglich auf LED-Ketten und schenkt den herkömmlichen Lichterketten mit Glühlämpchen sowie den städtischen bzw. kommunalen Weihnachtsbeleuchtungen keine Bedeutung.

So viel zur praktischen Theorie. Woher die Energie für diese übermäßige Verschwendung kommt, scheint vielen Menschen offenbar nicht klar zu sein: Beim derzeitigen Energiemix kommen ca. 2/3 der Energie aus Kohle- und Atomkraftwerken (Quelle: Stern). Warum sollte man sich also über unsichere Kernenergie und schmutzige Kohleverbrennung echauffieren, wenn die Quellen der Energieproblematik in den 40 Millionen Haushalten in Deutschland leben und scheinbar zu dumm sind zu kapieren, dass es nicht ausreicht, die herkömmliche Lichterkette durch eine moderne zu ersetzen, um der Umwelt etwas Gutes zu tun. Wer das tun möchte, sollte darüber nachdenken, ob es nicht ausreicht, die Lichterkette nur dann einzuschalten, wenn man sich auch im gleichen Raum befindet; ganz abgesehen von der grundlegenden Frage, ob man denn überhaupt eine braucht. Ist eine Kerze auf der Fensterbank nicht viel schöner?
Keine Frage: An dem Nadelbaum im Wohnzimmer hat keine Kerze etwas zu suchen. Zu groß die Gefahr, dass Menschen zu Schaden kommen. Aber was die Kerzen nicht schaffen, das erledigen die Geschenke unterm Baum. Die zweibeinigen Plagen müssen heutzutage jeden Scheiß haben, den sie im Kinderprogramm von der Werbeindustrie eingetrichtert bekommen haben. Und die Eltern sind dumm genug, den dreiseitigen Wunschzettel auch noch in Sachwerte umzusetzen. Tun sie das nicht, fliegen die Fetzen. Dann wird aus dem ADHS-Wurm ein Wüterich, der zuerst einmal das halbe Wohnzimmer dem Erdboden gleich machen muss, um seinem Frust freien Lauf zu lassen – schließlich kann er nun nicht mehr mit den Freunden mithalten, die doch viel mehr und viel bessere Sachen bekommen haben. Um endlich für Ruhe zu sorgen, mischt die überforderte Mutter – 47 Jahre alt, studiert, karrieregeil und verzweifelt – eine Ritalin-Tablette in die Bionade der Plage, weil sie selbst nie eine bessere Erziehung genossen hat und nur in Medikamenten einen Ausweg sieht.

Warum also dieser übertriebene Konsumwahn? Sind es nicht die kleinen Dinge, die das Leben angenehmer machen? Warum kann ein Kind nur mit einem Spielzeug, das teurer war als 100€, glücklich werden? Und warum muss es immer Neuware bekommen?
Wir leben in einer Wegwerf- und Konsumgesellschaft. Und das weiß die Industrie. Daher muss es immer etwas neues sein; das alte ist uninteressant und gebrauchtes Spielzeug ist alt. Ein Teufelskreis? Letztlich muss die Umwelt die Folgen dieser Gier ertragen. Denn anders als vor vielen Jahrzehnten werden Spielwaren mittlerweile überwiegend aus Kunststoff gefertigt. Und dieser ist ein Produkt aus Rohöl. Die Fertigung der Einzelteile findet zudem in China statt, wo man offensichtlich noch im Mittelalter steckt. Auf umweltschonende Produktion setzen jedenfalls nur sehr wenige Unternehmen, welche das aber wiederum nur als Rechtfertigung für hohe Produktkosten nutzen. Gewässer, Luft und Erde werden enorm belastet und keinen scheint es zu interessieren. Doch wen es interessieren sollte sind wir, denn wir kaufen die Produkte und wollen außerdem möglichst wenig dafür ausgeben. Schon wieder ein Teufelskreis?
Fakt ist jedenfalls: Wir brauchen immer mehr Güter in immer kürzeren Abständen. Kleinigkeiten reichen mittlerweile auch nicht mehr aus, egal ob sie von Herzen kommen oder schnell auf dem Heimweg an der Tanke gekauft wurden, weil das Smartphone an einen besonderen Tag erinnert hat.
Dabei sind gerade die Kinder erheblich konsumorientierter geworden. Ohne High-Tech-Spielzeug mit mindestens drei Dutzend Funktionen sollte man heutzutage besser nicht mehr nach Hause kommen. Dass das so ist erscheint einem logisch, wenn man sich das Kinderprogramm im viereckigen Diktator ansieht. Die Kids werden regelrecht zugeschissen von Werbung und lernen somit schon früh, dass die großen Feiertage nur ein Grund sind, neue Spielsachen zu bekommen. Und wer nicht genug hat, dem geht es schlecht.
Die Wertschätzung der Kinder für das was sie haben, ist also erheblich geschrumpft und am Ende bekommt die Umwelt wieder einmal alles ab. Aber wer ist schuld daran? Die Industrie? Die Kinder? Nein, es sind die Eltern. Die, die immer für Verantwortung und Vernunft stehen und vorzugsweise die Grünen wählen, sind diejenigen, die für das Schlamassel verantwortlich sind, denn die Industrie reagiert nur auf die Nachfrage, die durch die Konsumenten entsteht. Würden neu eingeführte Produkte nicht gekauft werden, wäre das Angebot innerhalt kürzester Zeit erheblich kleiner. Doch durch die Eltern, die deren Kinder nicht vor dem Kugelhagel der Werbeindustrie schützen und sie zu mehr Wertschätzung erziehen, entsteht ein dauerhafter Bedarf, was auch die Unternehmer wissen und eiskalt ausnutzen.
Um das zu ändern sollten wir nicht auf den Arsch der anderen starren sondern uns den Finger in den eigenen stecken. Denn es liegt immer am Einzelnen, etwas zu tun, um die Situation zu bessern. Wichtig ist es dabei, den Druck von den Schultern der Kinder zu nehmen. Charakter und gesellschaftliche Werte werden heute nicht mehr beachtet. Stattdessen wird mal am Wert und der Zahl von Gebrauchsgegenständen gemessen. Wer heute nicht bei Sachwerten mithalten kann, wird konsequent ausgegrenzt, was besonders in der Schule deutlich wird. Ein Schüler ohne Handy ist heute eine Vorstellung die vielen Eltern kalt den Rücken herunterläuft. Das war einmal anders!
Natürlich liegt die Schuld auch bei den Industriellen. Schließlich sind die es ja, die den Profit machen und die Werbung ausstrahlen, die uns Bürger noch weiter beeinflusst und in die Märkte treibt. Doch sind wir hier wieder beim Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage.

Eines wird deutlich: Weihnachten hat seine ursprüngliche Bedeutung verloren. Es ist längst nicht mehr das Fest der Wiederauferstehung Christi sondern nur noch eine Rechtfertigung für die Industrie, die Kunden zum Kauf von Produkten und dem Verlust des Verstandes zu bewegen, um die eigene Inkompetenz zu vertuschen, Waren auch über das ganze restliche Jahr verteilt verkaufen zu können, sodass der Geschäftsabschluss am Ende doch nicht mehr so schlecht aussieht. Aus der Sicht des Marketings ein geniales Konzept: Zehn Monate Kapazität einsparen und in den restlichen zwei Monaten mittels Aushilfen und vollen Lagern ordentlich Kohle machen. Dass bei dem ganzen Trubel um die Steigerung des Umsatzes nahezu jeder Deutsche die Rationalität verliert und auf Kosten der Umwelt, der eigenen Gesundheit und des Geldbeutels unüberlegt handelt scheint kaum jemandem aufzufallen und erst recht niemand etwas anzugehen. Doch es ist wie immer der Einzelne, der den Hebel, um daran etwas zu ändern, in der Hand hält. Doch lieber folgt man der Gesellschaft in eine ungewisse Zukunft. Eine traurige Aussieht für das Ende eines Jahres, das sonst so schön war.
Ich bin mit meinem Bunker im Garten jedenfalls schon fast fertig und werde mich dort wie der Österreicher vor 66 Jahren ab sofort bis zum Dreikönigstag verschanzen und Gras fressen. Kommst Du mit?

-AH-



Falsche Hilfsbereitschaft
RTL zeigt im Zuge der alljährlichen Spendenaktion "Wir helfen Kindern" XY- und Z-Prominente, die trotz ihrer prall gefüllten Konten, wahrscheinlich noch in Lichtenstein eröffnet, Zuschauer auf arme kleine Kinder aufmerksam machen wollen und zur großzügigen Spende aufrufen. Man sieht, wie sie sich hingebungsvoll engagieren - und das tun sogar unentgeltlich! Was wir vor der Glotze nicht sehen ist der Ferrari, Porsche, Mercedes-Benz oder ein Privatjet beim Drehort, der die Frau- und Herrschaften wieder zurück in ihre wohlbehütete 86 Zimmer Villa zurück bringt.
Währenddessen wird bei uns kleinen Leuten mit Kontoständen von maximal fünf Stellen, die ein Auto 20 Jahre lang abbezahlen müssen, damit wir überhaupt einmal eines haben, ein schlechtes Gewissen generiert. Wir haben doch alles: Einen warmen Arsch auf einer 4.000 € Wohnlandschaft, einen 55" LED-3D-Fernseher und jeden Tag einen reichlich gedeckten Esstisch, um uns voll zu fressen, damit wir es anschließend auf dem Hometrainer mit angelegtem Kalorienzähler abtrainieren können.
Also warum nicht für diese Kinder spenden? Ein kleiner Betrag tut doch nicht weg! Die Prominenten müssen doch wissen, wie schlimm es vor Ort ist. Und die Fakten, die sie uns nennen, lassen sich nicht leugnen: "Jeden Tag sterben 25.000 Kinder, weil sie nichts zu essen haben. Wir müssen etwas dagegen tun!".
Wir?
Ist es denn bereits eine Spende, die Botoxfresse in die Kamera zu halten und irgendeinen auswendig gelernten Satz ins Mikrofon zu rülpsen? Nein! Daran ändert sich auch nichts, wenn ich bei Wikipedia lese, dass im Zuge der RTL-Aktion jeder Akteur auf seine Gage verzichtet und es somit unentgeltlich macht. So ein Schwachsinn. Täglich kassieren diese selbsternannten Prominenten, die nur noch aufgrund von (erfundenen) Skandalen, womöglich in Kooperation mit der BILD, überhaupt noch in den Medien sichtbar sind, Gehälter, die unsereins nicht einmal innerhalb eines Jahres verdient. Und wohin geht das Geld? Partys, Autos, Yachten,... .
Reichtum ist in unserer Gesellschaft dauerhaft präsent und war das auch in der Vergangenheit nicht anders. Doch eines hat sich geändert: Damals standen die "Reichen und Schönen" nicht vor der Kamera und haben uns Bürgern eine traurige Geschichte erzählt und uns zu Spenden aufgerufen. Doch was geben die Prominenten, wenn man von der 'ehrenamtlichen Arbeit' absieht? Wir wissen es nicht. Aber seien wir mal ehrlich: In Zeiten der Selbstinszenierung würden wir doch von den hingebungsvollen Spenden erfahren. Heute macht doch niemand mehr etwas ehrenamtliches und soziales, ohne die Begleitung eines Kamerateams oder Fotografen. Es muss sich ja für den eigenen Wohlstandsarsch lohnen, Geld auszugeben! Das gute Gefühl, für andere etwas getan zu haben, existiert in der Upper Class schon lange nicht mehr.
Aber was ist mit RTL? RTL, der Inbegriff der Scripted Reality und bester (einziger?) Freund der Asozialen. Ich bin mir unsicher, was schlimmer ist: Die Prominenten, die wie eine Horde Nutten ihre Visage verkaufen und sich tief bücken, damit noch mehr Geld und Ruhm darin landet, oder der Sendern, der mit der Aktion seine eigene Inkompetenz zu kompensieren versucht. Wäre es nicht an der Zeit für den Kölner Hexenkessel der Unterschichtenunterhaltung, in den Spiegel zu sehen? Denn ein informatives, interessantes und sinnvolles Programm lockt mehr Zuschauer, wodurch die Werbeeinnahmen steigen würden, sodass RTL von der Gewinnzunahme kontinuierlich Geld anlegen könnte, welches in der Weihnachtszeit in einer pompösen und selbstverherrlichenden Show an Hilfsorganisationen übergeben wird.
Ich weiß, ich bin naiv. RTL wird niemals sein Programm ändern und uns weiterhin aufrufen, Geld zu spenden. Und "unsere" Promis werden weiterhin auf die Knie gehen, um sich zu prostituieren. Und so lange das Programm gesehen, die Bild gekauft und die Emanzenzeitschrift gelesen wird, ändert sich daran nichts. Es liegt also mal wieder an uns etwas zu tun: Spenden oder Boykottieren. Für was entscheidest Du dich?

-AH-